Mit der Pleite der 158 Jahre alten Traditionsbank Lehman Brothers und den Problemen von AIG, dem grössten US-Versicherer und dem Weltmarktzweite in der Versicherungsbrachen, erreichte die Finanzmarktkrisen in den USA einen vorläufigen neuen traurigen Höhepunkt. Grund genug sich ein paar Gedanken dazu zu machen, welche Auswirkungen die Finanzmarktkrise in den USA auf die Finanzierung von HighTech-Startups haben kann. Vorab ein paar zusammenfassende Worte zur Entstehung und der bisherigen Entwicklung der Finanzmarktkrise, bevor anschliessend auf die Konsequenzen für Internetstartups eingegangen wird. Die Wall Street trug in den vergangenen Jahren mit immer phantasievolleren Finanzkonstruktionen dazu bei, eine gewaltige Blase auf dem Immobilienmarkt zu erzeugen. Banken vergaben dazu Hypotheken an Kunden, die sich eigentlich kein Haus leisten konnten und verkauften das Risiko daraus über strukturierte Finanzprodukte auf den weltweiten Kapitalmärkten. Im Frühjahr 2007 kam was kommen musste und der US-Immobilienmarkt brach ein. Die Ursache hierfür war eine starke Ausweitung von Kreditangeboten vieler Banken an Kunden mit schwacher oder sehr schwacher Bonität (sog. Subprime-Markt). Insbesondere die kontinuierlichen Zinserhöhungen bei einem gleichzeitig stetigen Verfall der Immobilienpreise führten zu hohen Ausfallraten auf Gläubigerseite. Dutzende Baufinanzierer, die sich gerade auf diese Art von Kredite spezialisiert hatten, mussten zum damaligen Zeitpunkt Gläubigerschutz beantragen, da viele Kreditnehmer, die die anfänglich niedrigen Tilgungsraten noch zahlen konnte, nicht mehr fähig waren die ansteigenden Ratenzahlungen zu erfüllen. Eine grosse Zahl der Immobilien mussten mit Wertverlust verkauft oder versteigert werden, was seit 2007 bei US-Banken und seit 2008 auch bei europäischen und asiatischen Banken (auf Grund der strukturierten Anlageformen, in welche institutionelle Anleger auf der ganzen Welt investiert haben) zu Abschreibungen und Wertberichtigungen in Milliardenhöhe sowie zu heftigen Kursverlusten an den internationalen Börsen führte. Doch nicht nur Banken mussten Verluste auf Grund der verbrieften zweitklassige Hypothekenkredite (sog. Subprime Loans) einfahren, insbesondere sind auch Fonds, Versicherungen und Hedge Fonds davon betroffen, wie aktuell z.B. der Fall AIG zeigt. Unternehmen dieser Branchen waren die Hauptabnehmer der verbrieften Hypothekendarlehen. Die generelle Problematik an der Situation ist, dass durch die Probleme mit den Subprime Loans sowohl das Vertrauen der institutionellen als auch der privaten Anleger erschüttert wurde. Die Erschütterung des Vertrauens führt dazu, dass die grossen institutionellen Anleger nun deutlich risikoaverser agieren (sofern sie überhaupt noch handlungsfähig sind) bzw. sie sich auf Grund der eingefahrenen Verluste dazu gezwungen sehen risikoaverser zu handeln. Das bedeutet, dass das im Kapitalmarkt vorhandene Geld nicht mehr ohne weiteres zu den Kreditnehmern gelangt und diese nicht mehr in dem Umfang investieren können, wie sie das vor ein bis zwei Jahren noch tun konnten. In letzter Konsequenz führt dies zu einem wirtschaftlichen Abschwung, einer Rezession, da notwendige Investitionen in das Wirtschaftswachstum (z.B. in neue Technologie, die häufig von Hightech orientierten Startups entwickelt werden) ausbleiben. Doch inwiefern tangiert die Finanzmarktkrise bzw. eine Rezession hightechorientierte Internetstartups nun unmittelbar? Führt die Finanzmarktkrise bzw. eine Rezession zur Versiegelung von bisher (noch) sprudelnden Geldquellen? Meine persönliche Einschätzung ist ähnlich der von Bill Hambrecht (legendären Banker aus dem Silicon Valley - u.a. Mitgründer von WR Hambrecht & Co, eine Investmentboutique, die sich auf die Versteigerung von Aktien konzentrieren und dabei u.a. beim Börsengang von Google beteiligt waren). Ich persönlich gehe davon aus, dass die Finanzmarktkrise in einem ersten Schritt kurzfristig keine unmittelbaren Konsequenzen auf kapitalsuchende Startups hat, die vor einer ersten, zweiten oder dritten VC-Runde stehen. Folgende Gründe sind meiner Meinung nach dafür ausschlaggebend:
  • Klassische VC-Fonds haben im Augenblick noch ausreichend liquide Mittel zur Verfügung, die es zu investieren gilt. Das Problem ist an dieser Stelle vielmehr, dass es nicht ausreichend investitionswürdige Startups gibt, um die liquiden Mittel voll investieren zu können.
  • VC-Fonds haben in der Regel keinen Abschreibungsbedarf aus Subprime Loans, da sie von Natur aus nicht in diese Anlageprodukte investieren bzw. diese nicht den Hauptfokus ihrer Investitionen darstellen und sie unter Umständen nur kleine Volumina in hiervon betroffenen Finanzinstrumenten "geparkt" haben.
Bei Anlagen in Venture Capital-Fonds handelt es sich um Anlagen mit relativ hohem Risiko. Auf Grund der verschobenen Risikoaversion der Anleger, im Wesentlichen bedingt durch die Finanzmarktkrise, kann mittelfristig das Fundraising der VC-Fonds eine grosse Herausforderung darstellen (sofern das Vertrauen der Finanzmärkte kurzfristig nicht zurück gewonnen werden kann). Grund hierfür ist, dass die klassischen Anleger in VC-Fonds (insbesondere Banken und Versicherungen) von der Finanzmarktkrise am härtesten getroffen wurden. Sollte mittelfristig das Fundraising klassischer VC-Fonds in der Tat zu einem Problem werden und Exitkanäle verschlossen bleiben (kein Verkauf von Portfoliounternehmen zur Generierung von Liquidität), dann werden Startups mittelfristig definitiv auch ein Problem haben neue Finanzierungsrunde abzuschliessen, da den VC-Fonds liquide Mittel fehlen. Etwas problematischer sehe ich die Exit-Situation für VC-Fonds und Startup-Gründer. Traditionell kommen als Exit insbesondere zwei Möglichkeiten in Betracht:
  • Veräusserung der Anteile über einen Gang an den Kapitalmarkt (Venture-backed IPOs, Börsengang)
  • Verkauf der Anteile an einen strategischen Investor per Trade-Sale (z.B. ein etabliertes Industrieunternehmen - venture-backed M&A)
Für den US-amerikanischen IPO-Markt sind Venture Capital-finanzierte Unternehmen eine maßgebliche Quelle für Börsenkandidaten. Der Anteil der venture-backed IPOs an den US-amerikanischen Börsengängen betrug in den Boomjahren 1999 rund 57 Prozent und 2000 rund 75 Prozent. In den nachfolgenden Jahren wurden diese Größenordnungen nicht mehr erreicht. Nachdem 2005 und 2006 nur noch jeder dritte Börsengang durch ein Venture Capital-finanziertes Unternehmen durchgeführt wurde, waren es 2007 mit 86 von 155 Börsengängen allerdings erstmals wieder mehr als die Hälfte. In Deutschland hatten wir im Jahr 2007 laut BVK-Statistik sieben IPOs von mit Risikokapital finanzierten Unternehmen (u.a. Xing). Durch den Vertrauensverlust der Kapitalmärkte (welcher natürlich mit starken Kursabschlägen einhergeht), wird der Exit-Kanal IPO zumindest kurzfristig verschlossen, da keine vernünftigen Bewertungen mehr erzielbar sind. Insbesondere bei Startups benötigen die potentiellen Anleger sehr viel Vertrauen, da es sich dabei um junge Unternehmen handelt, die sich noch keine lange Zeit im Markt bewiesen haben (wie z.B. ein klassischer Mittelständler). Das fehlende Vertrauen muss mit Bewertungsabschlägen "bezahlt" oder mit Wachstumsphantasie kompensiert werden. Um an die Wachstumsphantasien zu glauben benötigt es allerdings wiederum das Vertrauen der Anleger. Die amerikanische Regierung und die weltweiten Zentralbanken/Regierungen tut im Augenblick alles was im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegt, um das Vertrauen der Anleger zurück zu gewinnen bzw. den Markt zu stabilisieren. Dazu greifen sie strauchelnden Finanzinstitutionen (wie z.B. dem Versicherer AIG) unter die Arme bzw. pumpen Milliardenbeträge an liquiden Mitteln in den Markt. Sollten die Maßnahmen allerdings alle nicht greifen und die Weltwirtschaft auf Grund des schwächelnden Motors der US-Wirtschaft in eine Phase des wirtschaftlichen Abschwungs bzw. eine Rezession geraten, dann wird dies natürlich auch unmittelbare Auswirkungen auf Internet-Startups haben. Als erstes dürften bei einem wirtschaftlichen Abschwung diejenigen Startups betroffen sein, die auf ein reichweitenbasiertes Geschäftsmodell setzen und dieses im Wesentlichen über Werbeerträge refinanzieren. Der Grund hierfür ist, dass werbetreibende Unternehmen in wirtschaftlich schlechten Zeiten zu allererst ihre Werbebudgets streichen, da diese Ausgaben am einfachsten und kurzfristigsten einzusparen sind. Erste Anzeichen für einen schwächeren Online-Werbemarkt gibt es bereits, auch wenn diese noch nicht zur Beunruhigung führen sollten. Wie Holger Schmidt im FAZ-Blog Netzökonom berichtete, wurde z.B. auf der Branchenmesse OMD (Online Marketing Düsseldorf) bekannt, dass der Online-Vermarkterkreis im Bundesverband Digitale Wirtschaft davon ausgeht, dass der Online-Werbemarkt in diesem Jahr "nur" mit netto 10 bis 15 Prozent wachsen wird. Im Frühjahr rechnete der Bundesverband Digitale Wirtschaft noch mit einem Nettozuwachs von ca. 25 Prozent. Auch auf dem US-Markt sieht es bei den Online-Werbeerträge nicht allzu rosig aus, wie Gigaom in ihrem Artikel "Why Silicon Valley Should Be Worried" schön zusammenfasst. Startups die in ihrem Business Case auf ein transaktionsbasiertes Geschäftsmodell setzen, würden von einer Rezession erst etwas später getroffen, wenn diese auch beim Portemonaie des Konsumenten ankommt bzw. die Gefahr besteht diese zu treffen. Die Geldbeute der Konsumenten werden in der Regel erst dann erreicht, wenn Unternehmen bereits alle Werbebudgets gestrichen haben und sich zu betriebsbedingten Entlassungen gezwungen sehen bzw. anfangen diese anzukündigen. Dann sind Startups mit transaktionsbasiertem Geschäftsmodell ebenso unmittelbar von der Rezession betroffen und werden die in ihren Business Plänen aufgestellten Ertragsprognosen vermutlich nicht erreichen können. Im Augenblick versuchen allerdings insbesondere in New York ansässige Startups IT-Fachleute von schwächelnden Finanzinstituten abzuwerben. Dies ist durchaus sinnvoll, da sich die IT-Fachleute dieser Unternehmen hervorragend bei der Programmierung von Handels- und Risikomanagementsystemen auskennen und somit mit Sicherheit auch hervorragend dafür geeignet sind Webstartups bei der Entwicklung von Algorithmen behilflich zu sein (z.B. für Suchfunktionalitäten, Social Media Optimization, semantisches Internet, Optimierung/Weiterentwicklung der "Personalisierung" von Werbeeinblendungen, etc.). First Round Capital, ein amerikanischer VC, ging sogar soweit eine neue Website mit dem Namen"Leave Wall Street join a startup" (leavewallstreetjoinastartup.com) einzurichten, auf welcher Jobs ihrer Portfoliounternehmen in New York aufgelistet werden. Auch Fred Wilson, Partner bei den VCs Flatiron Partners and Union Square Ventures, berichtet, dass sie ebenfalls bereits dabei sind Fachkräfte von den Investmentbanken aktiv abzuwerben. Kurzfristig scheint die Finanzmarktkrise in den USA für die personellen Ressourcen der dortigen Startups sogar positiv zu werten zu sein.

3 COMMENTS

  • http://www.schorleblog.de/index.php/2008/09/22/links-for-2008-09-21/ links for 2008-09-21 – schorleblog

    [...] entsteht eine finanzierungslücke oder ein finanzierungsloch für startups durch die finanzm... einschätzung der lage (tags: finanzwelt usa krise wirtschaft banken startup via:mento.info) [...]

  • http://www.martin-riedel.net Martin

    Toller Artikel, sehr gut recherchiert!

    Ein potentielles Szenario ist aber auch, dass gerade jetzt die Start-Up Branche anfängt zu boomen. Wenn die Jobs bei den "Großen" unsicher werden, warum nicht etwas eigenes auf die Beine stellen?

    Gibt es auf diesem Gebiet empirische Daten, wie sich Krisen auf den Finanzmärkten auf Gründungen auswirken?

  • http://www.seedfinance.de/2008/09/25/paradox-venture-capital-als-fels-in-der-brandung/ Anlageklasse Venture Capital: Fels in der Brandung während der Finanzmarktkrise? | Seedfinance

    [...] werden, sofern sich die Finanzmarktkrise nachhaltig auf die Weltwirtschaft auswirkt (siehe meinen Beitrag zur Frage, ob Startups ein Finanzierungsloch droht). Dass das Fundraising für VC-Fonds durch die [...]