27. Oktober 2008 - 16:49 Uhr
Ist Xing ein Übernahmekandidat für LinkedIn?
Posted by: Andreas Dengler
Ein Finanzspritze über satte 22,7 Mio. US-$ hat LinkedIn in seiner letzten Kapitalrunde von Goldman Sachs, The McGraw-Hill Companies, SAP Ventures und Bessemer Venture Partners bekommen. Bereits im Juni hat LinkedIn eine Finanzierungsrunde über 53 Mio. US-$ mit einer Investorengruppe um Bain Capital Ventures geclosed, um damit unter anderem sein Expansionspläne zu finanzieren. Die Bewertung der Plattform lag für die zwei Runde insgesamt bei rund einer Milliarde US-$. Nachdem LinkedIn nun seine Kriegskasse in diesem Jahr mit 75,7 Mio. US-$ hervorragend gefüllt hat, stellt sich natürlich die Frage, wofür das Geld konkret verwendet wird und wie die Expansionspläne konkret aussehen?
Wann kommt LinkedIn auf den deutschen Markt?
Bereits seit fast zwei Jahren plant LinkedIn die Expansion auf den deutschsprachigen Markt. Immer wieder gab es Meldungen, die den Start einer deutschsprachigen Plattform ankündigten. Vollzogen wurde dieser Schritt allerdings noch nicht und eine deutschsprachige Version lässt weiterhin auf sich warten. Bezüglich der Erfolgsaussichten eines derartigen Schrittes bin ich sehr skeptisch, da Lars Hinrichs mit Xing den Markt hierzulande schon hervorragend besetzt hat. LinkedIn wäre nicht das erste Unternehmen, das auf Probleme bei der Eroberung des deutschsprachigen Marktes stösst. Zuletzt hat Facebook den Schritt gewagt und konnte sich gegenüber StudiVZ (noch) nicht durchsetzen. Der Erfolg der deutschen Facebookversion ist bisher eher mit mäßig zu beschreiben (weitere Infos zu den Problemen von Facebook auf dem deutschen Markt und den auf LinkedIn zukommenden Problemen gibts bei Netzwertig im Artikel “LinkedIn, der Deutschlandstart und das Déjà-vu“).
Parallelen zwischen Facebook/StudiVZ und LinkedIn/Xing
Interessant ist, dass durchaus strategische Parallelen zwischen Facebook/StudiVZ und LinkedIn/Xing interpretiert werden können. Auch Facebook hat seine deutschsprachige Plattform lange angekündigt, bevor diese letztlich in die Tat umgesetzt wurde. Im nachhinein stellte sich heraus, dass Facebook lange mit Holtzbrinck, dem Eigentümer von StudiVZ, über eine Übernahme verhandelt hat. Dies erklärt, dass die deutschsprachige Facebook-Version auf sich warten gelassen hat, bis die Verhandlungen als gescheitert bezeichnet werden konnten. Haben wir bei LinkedIn und Xing eine ähnliche Situation? Verhandelt hier LinkedIn bereits mit Xing? Würde das Kapital von LinkedIn für die Finanzierung einer Übernahme von Xing reichen? Strategisch dürfte für LinkedIn die Übernahme von Xing durchaus Sinn machen.
(Feindliche) Übernahme von Xing durch LinkedIn?
Betrachten wir uns hierzu die Anteilseignerstruktur von Xing (Quelle: Xing-Website):

Insgesamt gibt es 5.201.700 Aktien von Xing. Bei einem aktuellen Kurs von rund 26 Euro verfügt Xing über eine Marktkapitalisierung von 135,2 Mio. Euro. Wir erinnern uns, dem steht die Bewertung von LinkedIn bei den vergagnenen Kapitalrunde in diesem Jahr gegenüber: rund 1 Mrd. US-$. Insgesamt verfügt LinkedIn aus den Kapitalrunden über liquide Mittel in Höhe von 75,7 Mio. US-$. Es wird schnell klar, dass eine vollständige Übernahme von Xing durch LinkedIn zum heutigen Datum nicht ohne weiteres möglich sein wird, sofern der Aktienkurs von Xing nicht wesentlich einbricht.
Die im Streubesitz befindlichen Xing-Anteile von 57,6 Prozent (2.996.179 Aktien) sind bei einem Kurs von 26 Euro mit rund 77.9 Mio. Euro zu bewerten. Daraus lässt sich schliessen, dass für LinkedIn eine feindliche Übernahme durch den Kauf der sich im Streubesitz befindlichen Anteile mit ihrer aktuellen Kapitalisierung nicht möglich zu sein scheint. Auch dies wieder unter der Voraussetzung, dass der Xing-Kurs in naher Zukunft nicht wesentlich einbricht. Ein Argument gegen eine feindliche Übernahme über den Kauf der sich im Streubesitz befindlichen Anteilsscheine ist mit Sicherheit auch die Tatsache, dass die Käufe von LinkedIn den Kurs kurzfristig nach oben treiben würden.
Bei der Betrachtung wurden die Möglichkeiten die Übernahme mit weiterem Fremdkapital zu finanzieren (z.B. geleveraged über Darlehen) nicht berücksichtigt, da dies bei der aktuellen Kapitalmarktkrise auch nicht ohne weiteres möglich zu sein scheint.
Fazit
Auf den ersten Blick ist eine Übernahme von Xing durch LinkedIn nahezu auszuschliessen. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass LinkedIn versuchen wird den deutschsprachigen Raum auf eigenen Beinen zu erobern. Es bleibt spannend. Insbesondere bin ich darauf gespannt, ob LinkedIn das Pricing auf den deutschsprachigen Markt anpasst. Das günstigste Premium-Paket kostet bei LinkedIn im Augenblick z.B. 19.95 US-$ pro Monat und man kann damit gerademal drei lächerliche Mails pro Monat verschicken. Das teuerste der drei Premiumpakete kostet im Augenblick sagenhafte 200 US-$. Zum Vergleich, Xing verlangt 5.95 Euro pro Monat für die Premiummitgliedschaft.


