Wie bereits berichtet, hatte ich vergangene Woche auf dem Pangora E-Commerce Kongress die Möglichkeit, Jacques Antoine Granjon (siehe Foto), den Gründer des Shopping-Clubs Vente Privée, kennenzulernen. In einer sehr beeindruckenden Präsentation stellte dieser die Erfolgsgeschichte von Vente Privée vor und lieferte in diesem Zusammenhang auch neue Zahlen. Die Zahlen als auch die Story von Vente Privée find ich äußerst spannend (welches "Startup" kann schon seine ursprüngliche Umsatzprognose  für 2008 von 500 Mio. Euro um 100 Mio. auf 600 Mio. Euro anheben?). Aus diesem Grund möchte ich Euch die Story natürlich nicht vorenthalten und hoffe, dass ich die Begeisterung von Jacques für Vente Privée in den kommenden Zeilen zumindest etwas rüberbringen kann. Die Vorgeschichte zur Gründung Interessant ist, dass die Wurzeln von Vente Privée bis ins Jahr 1985 zurück gehen. Damals, im Zeitalter des Festnetztelefons, war Jacques mit seinem Partner als Händler für Restposten tätig. Im Prinzip machten sie damals bereits dasselbe wie heute, nur halt ohne das Internet. Sie kauften bei Herstellern von Markenartikeln Restposten in großen Mengen, die sie anschließend an Restpostenläden und Outlet-Stores wieder verkauften. Bis Ende der 90er Jahre lief das Geschäft sehr gut. Doch dann machten viele kleinen Händler ihre Läden dicht und die großen Restpostenhändler haben angefangen direkt bei den Produzenten zu kaufen. Gleichzeitig haben die Markenhersteller damit angefangen immer mehr Wert auf ihr Image zu legen, was zur Konsequenz hatte, dass sie nicht mehr jeden belieferten und stets darüber informiert sein wollten, wo ihre Produkte letztlich zum Verkauf angeboten werden. Zusätzlich haben die Hersteller auch noch damit begonnen ihre Restposten in eigenen Outlet-Stores zu verkaufen. Der ursprüngliche Job von Jacques war somit im Prinzip überflüssig. Geburtsstunde Vente Privée Aber wie heißt es so schön, aus der Not entstehen die besten Ideen. Das bisherige Geschäftsmodell wurde im Jahr 2000 radikal geändert: Anstatt per Telefon und Fax das B2B-Geschäft zu betreiben, entschloss man sich über einen B2C-Ansatz selbst direkt an Endverbraucher zu verkaufen. Dies allerdings nicht über einen konventionellen Outlet-Store auf der grünen Wiese, sondern ausschließlich über das Internet. Vente Privée, eines der größte und wachstumsstärksten E-Commerce Unternehmen in Europa, war geboren. Marktvolumen in Europa Gemäß Jacques beträgt das Marktvolumen für Restposten und Überschussware in Europa rund 30 Milliarden Euro und jeder Markenhersteller hat pro Jahr rund 5 bis 10 Prozent überschüssige Waren. Das Geschäftsmodell Es handelt sich bei vente-privee.com weder um Online-Schlussverkäufe, noch um Versteigerungsaktionen. Der Online-Shopping-Club ist somit kein gewöhnlicher Online-Shop, sondern organisiert Verkäufe im Internet, die es den Marken erlauben ihre Lagerbestände und Überproduktionen in einem qualitativ hochwertigen Umfeld abzusetzen. Die Mitglieder des Shopping-Clubs profitieren dabei von den außergewöhnlich günstigen Preisen und dem vielfältigen Angebot. Eine Seltenheit: Jacques Verkaufsphilosophie dreht sich vielmehr um die Lieferanten als um die eigenen Kunden. So äußerte er sich z.B. im Interview mit
"Unser erster Ansprechpartner ist die Marke. Wir machen keinen E-Commerce im klassischen Sinn, wo man Produkte einkauft und an Kunden verkauft. Wir wollen für die Hersteller Saisonware und Restbestände schnell, einfach und komplett veräußern."
Für die Markenartikelhersteller bietet Vente Privée vier wesentliche Vorteile, die einen Verkauf über die Plattform lukrativ machen:
  • Diskretion: Die Verkaufsaktionen laufen nur 48-72 Stunden. Anschließend gibt es keine Historie der Aktionen oder ähnliches zum Abruf. Weiterhin steht das Angebot nur Kunden zur Verfügung, die eine Einladung von einem bereits bestehenden Kunden bekommen haben (exklusiver Personenkreis).
  • Geschwindigkeit: Innerhalb weniger Stunden können tausende von Artikeln abgesetzt werden.
  • Werthaltigkeit: Markenartikelhersteller müssen sich auf Grund der Exklusivität keine Sorgen um eine Schädigung der Reputation ihrer Marke machen und erhalten höhere Margen als beim konventionellen Restpostenverkauf.
  • Kundenbasis: Über 3,8 Millionen Kunden können über Vente Privée erreicht werden. Die Hersteller erhalten detaillierte Reports über die Kunden und deren Kaufpräferenzen bzw. -verhalten, was sie beim klassischen Restpostenhandel nicht bekommen.
Die Finanzierung Vergangenes Jahr hat Vente Privée 20 Prozent seiner Anteile an den US-Investor Summit Partners verkauft. Ziel dieses Verkaufs war allerdings nicht primär einen vorhandenen Kapitalbedarf zu decken, sondern vielmehr die Kompetenz des neuen Partners in Bezug auf die Internationalisierung zu nutzen (vor allem für den bevorstehenden Schritt in die USA). Ansonsten bleibt festzuhalten, dass es Vente Privée seit jeher schafft ihren Kapitalbedarf aus dem operativen Geschäfts zu decken, was eine extrem beachtliche Leistung ist. Wenn man sich die Investorenlisten von anderen Shopping-Clubs anschaut, dann stellt die Finanzierung aus dem operativen Geschäft heute eine absolute Ausnahme dar. Gemäß einer Auflistung von exklusified! hat z.B. der Mitbewerber BuyVIP bereits sieben Investoren an Board. Bei Brands4Friends sind es sogar neun. Um das Working Capital gering zu halten, bestellt Vente Privée die verkauften Produkte der Hersteller erst nachdem die Verkaufsaktionen beendet wurde (die Hersteller liefern in der Regel ca. 10 Tage nach Aktionsende). Dadurch werden u.a. auch die Logistikkosten extrem reduziert. Wie exklusified berichtet, wurde es dieses Jahr dennoch notwendig, dass 15 Mio. Euro in eine zweite Lagerhalle investiert wurden. Mit dem zusätzlichen Lager wird der Shopping-Club zukünftig in der Lage sein 90.000 Pakete am Tag verarbeiten zu können. Wer mehr über die Logistik bei Vente Privée wissen will, dem sei der Film auf der Unternehmenswebsite an das Herz gelegt. Fakten, Fakten, Fakten So, jetzt aber zum spannenden Teil mit den harten Zahlen:
  • In den Jahren 2003 bis 2008 wurde der Umsatz von rund 3 Millionen auf 600 Millionen Euro (Prognose für 2008) gesteigert. Die diesjährige Umsatzprognose wurde von ursprünglichen 500 Millionen Euro auf 600 Millionen Euro angehoben.
  • Pro Jahr werden rund 1.250 Shopping-Events organisiert (2004 lag dieser Wert noch bei 211 Aktionen).
  • Mehr als 1,7 Millionen Internetnutzer besuchen die Website von Vente Privée pro Tag.
  • Zum Kampagnenstart um sieben Uhr morgens verzeichnet die Website regelmäßig rund 200.000 Nutzer pro Sekunde. Pro Sekunde werden rund 16.000 Datenbankabfragen auf der Website generiert. Damit ist vente-privee.com die #1 E-Commerce-Website in Frankreich.
  • Die durchschnittliche Besuchszeit der User liegt bei 35 Minuten, was Vente Privée in diesem Punkt zur #1 aller Websites in Frankreich macht.
  • Jedes Jahr versendet Vente Privée rund 2 Milliarden E-Mails (es gibt sogar extra Teams die sich ausschließlich darum kümmern, dass Vente Privée als Versender auf keine Blacklists kommt).
  • Pro Minute werden im Durchschnitt rund 100 Zahlungstransaktionen abgewickelt, was rund 1,6 Transaktionen pro Sekunde entspricht.
  • Pro Jahr verkauft der Shopping-Club etwa 18,5 Millionen Produkte.
  • Jeden Tag werden von Vente Privée rund 50.000 Pakete verschickt.
  • 900 Mitarbeiter hat Vente Privée (Durchschnittsalter: 31 Jahre). Im Jahr 2008 wurden 250 Mitarbeiter neu eingestellt (zum Vergleich: Die Adler Modemärkte erzielen mit knapp 4.000 Mitarbeitern rund 650 Millionen Euro Umsatz).
  • Pro Tag werden über 6.000 Fotos für die Verkaufsaktionen produziert.
  • 60 Prozent aller Artikel sind bereits nach 48 Stunden ausverkauft.
Fazit Vente Privée konnte in den vergangenen Jahren ein unglaubliches Wachstum hinlegen. Ich habe allergrößten Respekt davor, wie das Management es geschafft hat dieses Wachstum zu managen. Das Management eines derartigen Wachstums ist meiner Meinung nach eine ganz extrem große unternehmerische Herausforderung - in jeglicher Hinsicht... Auch finde ich es faszinierend, wie ein derart großes Unternehmen ganz ohne Seedinvestments aufgezogen werden konnte. Hut ab!

5 COMMENTS

  • http://hype.yeebase.com/story/6815 hype.yeebase.com

    Beeindruckende Wachstumsstory von Vente Privée und neue Zahlen...

    Der französische Live-Shopping Service Vente Privée hat in den vergangenen Jahren ein unglaubliches Wachstum hingelegt und weisst eine sehr interessante Story auf. Zur Story werden auch neue Zahlen des Shopping-Clubs veröffentlicht, die sich ganz he...

  • http://www.moench.net/archives/209 volker @ moench » Artikel » Es gibt sie noch, die unglaublichen Erfolge

    [...] Was dann bis heute geschehen ist, ist der Traum eines jeden, der im E-Commerce tätig ist. Die Zahlen sind gewaltig und eine Lektüre wert. Nachzulesen bei seedfinance.de [...]

  • http://www.seedfinance.de/2008/12/02/1-milliarde-besucher-bei-vente-privee/ Eine Milliarde Besucher bei Vente Privée | Seedfinance

    [...] auf dem diesjährigen Pangora E-Commerce Kongress hervorragende Zahlen veröffentlicht wurden (wie berichtet). Heute vermeldet der Anbieter, dass mittlerweile eine stolze Milliarde Besucher seine [...]

  • http://boersmazwischendurch.blogspot.com/2009/01/kopf-kopf-rennen-der-shoppingclubs-in.html Zwischendurch@Thorsten Boersma

    Kopf-an-Kopf-Rennen der Shoppingclubs in Deutschland - Vente Privée und brands4friends bei 25 Mio. Euro Umsatz...

    Insgesamt gibt es in Deutschland bisher 14 Shoppingclubs. Auch wenn die anderen Shoppingclubs teilweise deutlich kleiner sind, rechne ich damit, dass der Gesamtumsatz der Shoppingclubs in Deutschland in 2008 schon bei ca. 100 Mio. Euro lag.
    ...

  • http://www.readoz.de/einladung.html AnnaFR

    Tolle Marken wirklich um einiges günstiger