Unternehmen mit hohen Außenständen können aufatmen. Seit gestern ist die meiner Meinung nach spannendste B2B-Plattform seit langer Zeit online: The Receivables Exchange. Das Startup mit Sitz in New Orleans, New York, London und Norcoss (Atlanta) erlaubt es Unternehmen ihr Umlaufvermögen in Form von Forderungen gegenüber B2B-Kunden zu verkaufen und sich somit ihre Liquidität zu sichern. Ein hochstandardisierter Marktplatz für Echtzeit-Factoring-Geschäfte. Insbesondere in Zeiten restriktiver Kreditvergabe durch Banken kommt eine derartige Plattform genau zur richtigen Zeit. Dabei muss allerdings betont werden, dass das Startup nicht in einer Kurzschlussreaktion auf die Turbulenzen an den Kapitalmärkten gegründet wurde. Das 35-köpfige Team hinter The Receivables Exchange hat bereits 18 Monate harte Entwicklungsarbeit hinter sich. Dementsprechend professionell kommt die Plattform auch rüber. Funktionsweise Die Funktionsweise von The Receivables Exchange ist extrem simpel. Auf der Plattform gibt es Verkäufer von Forderungen und Käufer. Zum Verkauf stehende Forderungen werden mit Preisvorstellung auf der Plattform eingestellt und registrierte Käufer können diese mit wenigen Mausklicks erwerben, sofern sie von den Konditionen angetan sind. Beispiel: Versandhändler XY hat 10.000 Euro Forderungen gegenüber 1.000 Kunden, die in 30 Tagen fällig sind. Er bietet diese Forderungen gebündelt für 9.800 Euro zum Kauf an, die er sofort erhält, sofern sich zu diesem Preis ein Käufer findet. The Receivables Exchange nimmt sowohl vom Verkäufer als auch vom Käufer eine Provision von 0,5 Prozent. Als Besonderheit gibt es zwei verschiedene Klassen von Käufern. Zum einen "Trading members", die 500 US-$ Registrierungsgebühr bezahlen und sich verpflichten pro Monat Forderungen mit einem Volumen von mindestens 10.000 US-$ kaufen. Zum anderen "Seatholders", welche 10.000 US-$ Registrierungsgebühr bezahlen und über ein Anlagevermögen von mindestens 100 Mio. US-$ verfügen. Nach eigenen Angaben auf der Website verfügt The Receivables Exchange aktuell über registrierte Käufer, die insgesamt über ein Investitionsvolumen von rund 10 Milliarden US-$ verfügen. Zur Funktionsweise noch ein schönes Video, in welchem Nicolas R. Perkin, Co-Founder und President, das Geschäftsmodell im Interview mit Fox Business News näher erläutert: Ein weiteres sehenswertes Video zur Funktionsweise der Plattform findet sich auf der Website von The Receivables Exchange. Marktgröße Gem. der Pressemitteilung zum Start der Plattform werden pro Jahr in den Bilanzen amerikanischer Unternehmen B2B-Forderungen mit einem Volumen von rund 18 Billionen US-$ ausgewiesen. Daraus wird schnell ersichtlich, wie groß der Markt von The Receivable Exchange ist. Wenn The Receivable Exchange es schafft, ein Prozent der in den Bilanzen stehenden Forderungen auf die Plattform zu bekommen, dann rechnet sich das Geschäft sehr schnell und die bisherigen Investitionen von rund 5 Millionen US-$ durch Prism VentureWorks und Fidelity Ventures zahlen sich schnell aus. Fazit The Receivables Exchange ist meiner Meinung nach eines der sinnvollsten und spannendsten Startups seit ganz langer Zeit. Sofern es die Macher schaffen (ohne große Betrugsfälle) das bisher überwiegend auf persönlicher Ebene abgewickelte Geschäft der Forderungsverkäufe zu standardisieren, dann steht The Receivables Exchange eine rosige Zukunft bevor.

4 COMMENTS

  • Christian

    das geht doch schon wieder in die Richtung schlechte Schulden bündeln und verkaufen, genau das war doch der Auslöser der jetzigen Krise.

  • http://www.seedfinance.de Andi

    Aber natürlich gehört es für Finanzintermediäre (Banken, Versicherungen, etc.) zu ihrem originären Geschäft, dass sie mit Risiken umgehen und diese managen. Die drei Grundfunktionen und Daseinsberechtigungen für Finanzinstitute in einer Volkswirtschaft sind schliesslich die Fristentransformation, Losgrößentransformation und die Risikotransformation.

    In diesem Zusammenhang bleibt zu sagen, dass es bei Receivable Exchange nicht primär darum geht, dass Kundenforderungen schlechter Bonität verkauft werden, sondern die Fristentransformation an sich im Vordergrund steht. Viele Großunternehmen ringen ihren Zulieferern Zahlungsziele von teilweise 4-6 Monaten ab - das heisst die Zuliefererfirmen bekommen gem. Vereinbarungen ihr Geld erst 4-6 Monate nach Lieferung der Ware. Die eigenen Kosten (Löhne und Gehälter, Material, etc.) müssen allerdings direkt bezahlt werden. Für derartige Unternehmen bietet Receivable Exchange eine echte Alternative zur Überbrückungsfinanzierung durch Banken.

    Selbstverständlich ermöglicht Receivable Exchange allerdings auch die Risikotransformation. Hierzu wird aber die Bonität der Forderungen vor dem Kauf geprüft. Forderungen schlechter Bonität bekommen dann definitiv einen höheren Abschlag, der das Risiko widerspiegeln soll.

    Mit den Ursachen der Finanzmarktkrise (Immobilienkrise) scheint mir das Geschäftsmodell von Receivable Exchange nicht viel zu tun haben. Die Hauptursache hierfür ist meiner Meinung nach sicherlich darin zu sehen, dass die Banken unüberlegt Hypothekendarlehen an nicht kreditwürdige Privatpersonen vergeben haben. Klar, diese Darlehen wurden anschliessend verbrieft und unter Finanzinstituten weiterverkauft. An dieser Stelle hat meiner Meinung nach allerdings das Risikomanagement der Kreditinstitute versagt. Wobei man anmerken muss, dass niemand damit rechenen konnte, dass die Immobilienpreise auf dem amerikanischen Markt in einen derartigen Sog geraten und die Sicherheit für die Kredite (Immobilien) so schnell an ursprünglichem Wert verlieren.

  • http://babblingvc.typepad.com/pjozefak/ Paul

    This totally reminds me of 2000. In the last "crash" after the bubble burst, so many of these types of businesses appeared. You heard quite a bit about it initially, yet eventually the noise subsided and the markets recovered. Not necessarily a bad idea but somehow never sustainable.

  • http://www.seedfinance.de Andi

    Hi Paul,

    I don't think the idea isn't sustainable. I know a lot of people (esp. owner of small business) who are fighting with long term of payments. This issue is not a result of the latest crash - it's a growing issue for the past few years - driven by the biggest corporate groups.

    Also the founders points out that the platform is not a result of the latest crash. They started to develp the platform more than one year before the crash.

    Do you have names some similar businesses started after the bubble burst in 2000? This would be really interesting...

    Best,
    Andi