Lycos, das Portal mit dem Labrador als Markenzeichen, ist heute vielerorts ein heiß diskutiertes Thema in der nationalen und internationalen Blogwelt (z.B. bei Meedia, Media-Blog, The Inquirer, The next web, Exciting Commerce, Medienrauschen). Was ist passiert? Heute früh veröffentlichte Lycos per AdHoc-Meldung das Ergebnis seiner strategischen Prüfung. Während der letzten Monate haben das Management und die Aufsichtsräte das Unternehmen durchleuchtet um zu entscheiden, was der richtige Weg für die höchst verlustträchtige Gesellschaft ist (erschreckend, diesen hat die Gesellschaft seit ihrer Gründung im Jahr 1997 noch nicht gefunden!). Das Ergebnis Nach knapp 12 Jahren vor sich hinwursteln hat die Geschäftsführung um Christoph Mohn, dem Sohn des Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn, festgestellt, dass es für die Aktionäre wohl am besten wäre, wenn
  • die Geschäftsbereiche Domain, Shopping und die dänischen Portalaktivitäten verkauft werden und
  • der Betrieb der Portal- und Webhostingaktivitäten eingestellt wird.
Unterm Strich kommt dies einer Schließung der Gesellschaft gleich, nachdem die komplette Gesellschaft mangels potentieller Käufer nicht verkauft werden konnte. In der entsprechenden AdHoc-Mitteilung spricht Lycos allerdings von einer "neuen Strategie", was meiner Meinung nach die ganze Sache doch sehr beschönigt. Die "neue Strategie" muss noch von der am 12. Dezember 2008 in Amsterdam stattfindenden Hauptversammlung verabschiedet werden. Führender Anbieter Unterhaltsam ist auch der Absatz "Über Lycos" in der AdHoc-Mitteilung, welchen ich gerne zitiere:
LYCOS Europe ist einer der führenden Anbieter von Internetportalen und Online-Werbung in Europa und den USA mit einem Netzwerk von Websites in sieben Sprachen.
Dieser Satz wirkt schon reichlich ironisch, wenn man bedenkt, dass Lycos den Laden dicht macht und einer der führenden Anbieter von Internetportalen und Online-Werbung sein will - immerhin einem Markt mit einem Volumen von mehreren Milliarden Euro. Genau das war allerdings immer das Problem von Lycos: Man versuchte immer alles zu sein, ohne dass man bestimmte Ziele fokussiert und zielorientiert umgesetzt hat. Ein Gemischtwarenladen ohne strategische Fokussierung hat noch nie funktioniert. Die Entwicklung Vor dem Platzen der Internetblase im Jahr 2000 war Lycos hierzulande eines der reichweitenstärksten Portale. Seither geht es allerdings rapide bergab, wie der Aktienkurs sehr schön zeigt:

Es wird schnell klar, dass die Aktionäre der Gesellschaft zu keinem Zeitpunkt etwas zu lachen hatten. Traurig Der Ausgabekurs von 24 Euro war der bisher höchste erzielte Kurs der Gesellschaft. Die Aktie war bei der Emission trotz eines KGV von über 100 rund 30fach überzeichnet und brachte der Gesellschaft Einnahmen in Höhe von 672 Millionen Euro, von welchen sie bis heute noch profitiert (Marktkapitalisierung bei der Emission: 4 Mrd. Euro!). Dadurch relativiert sich auch die Tatsache, dass Lycos Europe heute ergänzend mitteilte, dass im Rahmen der "neuen Strategie" Ende Dezember 50 Mio. Euro aus den verbleibenden liquiden Mitteln an die Aktionäre ausgeschüttet werden. Aktionäre die dem Portal seit dem Börsengang die Treue gehalten haben, dürfte die Ausschüttung von 50 Mio. Euro allerdings kaum trösten. Die 24 Euro des Ausgabekurs reduzierten sich bis heute auf 24 Cent, was einer Wertvernichtung von 99 Prozent in achteinhalb Jahren gleichkommt. Bitter Hart trifft es neben den Aktionären insbesondere auch die Mitarbeiter von Lycos Europe. 500 der 700 Mitarbeiter, die in den Geschäftsbereichen arbeiten die geschlossen werden, müssen ihre Büros räumen. Die Arbeitsplätze der verbleibenden Mitarbeiter dürften extrem unsicher sein, da noch nicht sicher ist, ob ein Käufer für die Geschäftsbereiche gefunden wird und ob dieser die Mitarbeiter dann auch übernimmt. Erschreckend In seiner knapp 12jährigen Karriere hat es die Gesellschaft nur im Jahr 2006 geschafft schwarze Zahlen zu schreiben, wofür allerdings außerordentliche Erträge aus dem Verkauf der schwedischen Provider-Sparte verantwortlich waren. Allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2008 lag der Verlust (EBITDA) bei 19,9 Mio. Euro (2007: -12,9 Mio. Euro). Der Umsatz ging im selben Zeitraum von 58,4 Mio. auf 46,9 Mio. Euro zurück (minus 20 Prozent!). Fraglich und ungeklärt Auf Basis der Entwicklungen tun sich einem natürlich zahlreiche Fragen auf, die insbesondere dazu dienen sollen aus dem traurigen Ende zu lernen:
  • Wie kann es sein, dass das Management es all die Jahre nicht schaffte die User des Portals zu monetarisieren?
  • Droht StudiVZ und anderen Social Networks das gleiche Szenario? Sprich, werden die Portale auf Grund nicht ausreichender Monetarisierungsoptionen in ein paar Jahren einfach abgeschaltet?
  • Kommt Lycos Europe nicht zu spät mit der Meldung den Geschäftsbetrieb einzustellen? Hätte man dies als Verpflichtung gegenüber den Aktionären nicht schon viel früher tun müssen?
  • Wird Christoph Mohn nach seinen Leistungen als Vorstandsvorsitzender bei Lycos Europe zurecht als Kronprinz für den Bertelsmann Konzern gehandelt?
  • Wann wäre das Portal abgeschalten worden, wenn jemand anderer als Christoph Mohn, dessen Vater Bertelsmann aufgebaut hat, an der Spitze gestanden hätte?
  • Besteht eine realistische Option, dass das Portalgeschäft durch einen eigenständigen Anbieter profitabel betrieben werden kann? Droht z.B. Yahoo in absehbarer Zeit ein ähnliches Schicksal?
Fazit Gem. eines Berichtes auf deutsche-startups.de zieht der Vorstandschef Mohn ein bitteres Fazit: "Obwohl Lycos Europe - gemessen an der Reichweite - zwischenzeitlich größtes europäisches Internet-Portal war, ist es uns nicht gelungen, unsere Geschäftsmodelle in steigendem Maße zu monetarisieren”. Eine bittere Kapitulation, zu der man nur gelangt, wenn man absolut gar kein Licht mehr am Horizont sieht. Wie es auch das Handelsblatt sieht, denke auch ich, dass die Webwelt ganz gut ohne Lycos leben kann, auch wenn Lycos Europe im letzten AGOF-Ranking auf Platz 8 der beliebtesten Webportale rangiert.

3 COMMENTS

  • MC-5

    Bei mir als Lycos-Forum-User steht seit 26.11.08 zu lesen:

    "Sie wurden aus folgendem Grund gesperrt: Nein

    Ende der Sperre: Nie"

    Ohne Angabe von Gründen ("Nein") wurde ich wegen eines Gratulationsthreads für die Lycos IQ Moderatoren, der gelöscht wurde, gesperrt. Moderator M800, ein Vertrauter von Christoph Mohn, hat das veranlasst. Mit mir wurden 9 Thread gelöscht und 7 Forumuser "Banned".

    Mohn kann gehen.

    MC-5 (Lycos IQ usernick)

  • Jack

    Hätte ich nicht durch Zufall in einem Forum gelesen das Lycos irgendwelche Türen dicht machen will... wäre mir heute nicht aufgefallen das ich Lycos nicht mehr genutzt habe ab dem Tag wo Prügelpause weg war.

    Wie (un)wichtig doch mache noch so bekannten Seiten im www sein können.

    Hugs Jack

  • http://www.seedfinance.de/2008/11/30/ist-yahoo-das-nachste-lycos-europe/ Ist Yahoo das nächste Lycos Europe?

    [...] geplante Übernahme des Filetstücks von Yahoo! gelesen haben, sind mir unweigerlich Parallelen zum Fall “Lycos Europe” durch den Kopf gegangen: Das Tafelsilber, welches sich noch veräußern [...]