Seedfinance

30. November 2008 - 21:43 Uhr

Ist Yahoo das nächste Lycos Europe?

Posted by: Andreas Dengler

Ich hab es mir schon länger gedacht. Trotz der klaren Aussagen von Steve Ballmer, dass eine Übernahme von Yahoo! durch Microsoft nicht mehr zur Debatte steht, konnte ich mir nicht vorstellen, dass dieses Spiel - insbesondere nach dem Rücktritt von Yahoo!-Mitgründer Jerry Yang - ohne Verlängerung auskommt. Nun scheinen sich die Gerüchte wieder zu verhärten.

20 Mrd. US-$ für die Yahoo! Suche

Nach einem Bericht der heutigen Sunday Times soll es wieder Gespräche zwischen Microsoft und Yahoo geben. Allerdings soll es bei den Gesprächen nicht mehr um eine Komplettübernahme von Yahoo! gehen, sondern lediglich um die Übernahme des Suchmaschinengeschäft. Für dieses Filetstück von Yahoo! soll Microsoft bereit sein 20 Mrd. US-$ auf den Tisch zu legen. Immerhin: Die Suchmaschine von Yahoo! wickelt laut einer Statistik von Net Applications noch 10,5 Prozent aller weltweiten Suchanfragen ab. Damit betreibt Yahoo die einzige Suchmaschine, welche neben Google noch einen zweistelligen Marktanteil aufweist.

Marktkapitalisierung Yahoo!

Im Sommer diesen Jahres war Microsoft noch bereit 47,5 Mrd. US-$ für die komplette Übernahme von Yahoo auszugeben. Aktuell liegt die Marktkapitalisierung von Yahoo bei 16 Mrd. US-$. Manch einer fragt sich dadurch, warum Microsoft bereit sein soll 20 Mrd. US-$ allein für das Suchmaschinengeschäft auszugeben, wenn das Komplettpaket schon für 16 Mrd. US-$ im Angebot ist.

Bei den Verhandlungen zwischen den Parteien wird im Augenblick anscheinend ein etwas komplexeres Modell diskutiert: Microsoft erhält gegen ein Investment von fünf Mrd. US-$ für zehn Jahre die volle Kontrolle über das Suchgeschäft von Yahoo! und kontrolliert dabei über eine Holding rund 30 Prozent der Yahoo!-Aktien (30 Prozent der aktuellen Marktkapitalisierung entspricht 4,8 Mrd. US-$). Gleichzeitig erhält Microsoft mit dem Abschluss des Geschäfts eine zweijährige Kaufoption für das Suchgeschäft, für das dann insgesamt 20 Mrd. US-$ zu zahlen sind, sofern die Option eingelöst wird. Das heisst, der Preis 20 Mrd. US-$ bezieht sich auf den zukünftigen Wert der Websuche und hat mit der aktuellen Marktkapitalisierung von Yahoo! nur implizit etwas zu tun.

Keine Bestätigung der Gespräche

Die Gespräche wurden bisher weder von Microsoft noch von Yahoo bestätigt. Ich bin mir allerdings sicher, dass sie tatsächlich geführt werden. Warum sollte sich ein ausgefuchster Geschäftsmann wie Steve Ballmer die Chance entgehen lassen, sich das Filetstücke von Yahoo zu sichern? Zumal Yahoo! selbst nach der gescheiterten Zusammenarbeit mit Google unter extremem Druck gegenüber ihren Aktionären steht.

Zwischenfazit

Als Zwischenfazit lässt sich festhalten, dass die Ablehnung der 47,5 Mrd. US-$ Offerte wohl der größte Fehler war, den Jerry Yang jemals gemacht hat. Er selbst behauptete mal in einem Interview, dass er lila blutet. Durch diese Behauptung ist er ein klassisches Beispiel, dass bei vielen Startups die Zeiten kommen müssen, in denen ein professionelles Management die Führungsriege übernimmt (siehe hierzu auch den Artikel “Wenn Gründer gehen braucht man…“).

Parallelen zum Fall “Lycos Europe”

Als ich den Bericht über die geplante Übernahme des Filetstücks von Yahoo! gelesen haben, sind mir unweigerlich Parallelen zum Fall “Lycos Europe” durch den Kopf gegangen: Das Tafelsilber, welches sich noch veräußern lässt, wird verkauft, die restlichen Services werden eingestellt. Es stellt sich dabei unweigerlich die Frage, wieviel Yahoo! ohne die Suche überhaupt noch wert ist? Was passiert mit den Diensten wie Yahoo!-Mail (noch immer einer der größten Mailprovider weltweit) oder dem Fotodienst Flickr? Diese Dienste sind zwar allesamt extrem erfolgreich in Bezug auf die Reichweite, ein Schlüssel zur Monetarisierung scheint allerdings noch nicht gefunden. Werden sie einfach so von der Bildfläche verschwinden? Was macht Yahoo! mit dem Geld von Microsoft und ohne ihre Suche?

Fazit

Lassen wir uns überraschen, ob nach der Verlängerung auch noch ein Elfmeterschießen notwendig wird, bis Steve Ballmer endlich erfolgreich ist.

3 Comments

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1 | FFD

30. November 2008 um 23:56 Uhr

hmm, E-Bay hatte ja sich früh entschieden, auf “professionelles” Management zu setzen. Hat sie auch nicht vor Milliarden-schweren Fehlern bewahrt (Skype, BillMeLater). Amazon wird von seinem Gründer geführt, und ist strategisch viel besser positioniert.

Was für eine Katastrophe das “professionelle” Management bei Apple angerichtet hat, davon wollen wir gar nicht reden. Seit der Gründer wieder an Bord ist, geht es steil berg auf.

Meine Meinung: es gibt kein “professionelles Management”, was irgendwann den “kreativen Visionär” ablösen muß. Es gibt nur gute CEOs und schlechte CEOs, und den richtigen CEO am richtigen Ort.

2 | Andi

1. Dezember 2008 um 12:52 Uhr

Mit der Aussage, dass es nur gute oder schlechte CEOs gibt, geb ich Dir definitiv recht!

Ein schlechter CEO ist für mich jemand, der emotional so sehr an das Unternehmen gebunden ist (”ich blute lila”), dass er keine rationalen Entscheidungen mehr treffen kann - auch wenn diese manchmal sehr schmerzhaft sind und eigene Fehler zum Vorschein bringen.

Amazon find ich ein sehr gutes Beispiel für Deine These! Waren die milliardenschweren Übernahmen von eBay wirklich ein Fehler? Denke hier kommt es auf die Perspektive drauf an ;-)

1 Trackbacks

1 | Übernahme von StudiVZ durch Facebook kurz vor Abschluss? | Seedfinance

30. November 2008 um 22:52 Uhr

[...] Adventwochenende steht ganz im Zeichen des Aufkeimens totgeglaubter Übernahmegerüchte. Zuerst berichtet die Sunday Times über neue Gespräche zwischen Microsoft und Yahoo! und parallel hierzu kommt [...]

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