Julius Dreyer lebt seit vier Jahren in Shanghai und kann trotz seiner jungen Jahre auf einen außergewöhnlichen Werdegang zurück blicken. Dieser ist der Anlass für nachfolgendes Interview.
Julius (Xing), im Sommer 2004 hast Du Dich mit Deinen Brüdern auf Weltreise begeben, direkt nachdem der Jüngste von Euch das Abitur in der Tasche hatte. Ziel dabei war es, den Lebensunterhalt über das Internet zu verdienen. Was hat Euch dazu bewogen diesen Schritt zu gehen? Hattet Ihr Ersparnisse, falls es mit dem Geld verdienen nicht so gut läuft? Welche Internetkenntnisse hattet Ihr zur damaligen Zeit?
Die Idee um die Welt zu reisen hatten wir schon sehr früh. Ich weiß nicht woher dieses Fernweh genau kam, aber schon als Jugendliche waren wir fasziniert von den abenteuerberichten Berichten Weltreisender. Unser Traum war es, mit einem VW Bulli um die Welt zu trotten und dabei finanziell möglichst unabhängig zu sein. Als ich 15 war entdeckten wir die Börse als mobile Einnahmequelle für unterwegs.
Nach einem ziemlich durchwachsenen Jahr als Online-Daytrader haben wir dann die Reißleine gezogen und uns auf das Internet selbst konzentriert. So hatten wir schon vor unserer Abreise verschiedene Projekte wie konzert.de, hotelsuche.de oder auch poppen.de gestartet und konnten davon bereits knapp leben.
Für uns war es damals ein ziemlich unbeschwertes Leben, da wir kaum aus der Schule und, zwar noch zu Hause wohnend, schon relativ unabhängig waren. Da wir Gefahr liefen, uns auf diesen Erfolgen auszuruhen und im Gegensatz zu vielen Schulkameraden keine weitere Ausbildung anstrebten, buchten wir kurzerhand ein paar One-Way-Tickets in die scheinbar boomenste Metropole dieser Zeit. Ziel war es, Sprache und Kultur zu erlernen – an das chinesische Internet hatten wir nur sekundär gedacht.
Ersparnisse hatten wir zu dem Zeitpunkt leider keine, vielmehr kam erschwerend eine Umsatzsteuernachzahlung auf uns zu, so dass wir die ersten Monate in China in einer Jugendherberge und von ca. 2 Euro pro Person und Tag leben mussten.
Wie hat Euer Umfeld auf die Entscheidung reagiert?
Eigentlich hat fast nie jemand an unsere Tätigkeit im Internet geglaubt, wir waren es gewohnt gegen Windmühlen zu reden und auch mit wenig Unterstützung unseren eigenen Kopf durchzusetzen. Natürlich hätten uns unsere Eltern lieber auf einer Universität gesehen. Aber letztlich hat ihnen die abgeschlossene Schulausbildung als erster Meilenstein dann doch gereicht und unser Umfeld hat uns am Ende auch unterstützt, diesen Schritt zu gehen. Es gab damals einen Zeitungsartikel über die drei Auswanderbrüder, die ihr Glück in China suchten. Angepeilt war eigentlich auch nur ein Jahr China, danach sollte es weitergehen. Die meisten hielten allerdings selbst dieses eine Jahr für unwahrscheinlich.
Weit seid Ihr ja nicht gekommen. Heute, mehr als 4,5 Jahre später, steckt Ihr immer noch in Shanghai, was eigentlich die erste Station Eurer Reise hätte sein sollen. Was habt Ihr in den vergangenen 4,5 Jahren dort angestellt?
Das stimmt, wir hatten uns eigentlich auch nicht vorgestellt, so lange hier zu bleiben. Rückblickend ist immer so viel passiert, so dass wir in den ersten Jahren mehr auf geänderte Rahmenbedingungen reagieren mussten, als aktiv unsere Zukunft gestalten konnten. Vor allem poppen.de ist damals sehr stark gewachsen, so dass wir mit qualifiziertem Personal nachziehen mussten. Weil die Firmengründung in China damals sehr teuer und aufwendig war, sind wir parallel zum eigentlichen Gründungsprozess schon auf mehr als 30 inoffizielle Mitarbeiter gewachsen. Wegen unserer mangelnden Management-Erfahrung hatten wir in den Gründungsjahren mit einigen Wachstumsschmerzen zu kämpfen, welche natürlich weitere Zeit und Energie gekostet haben.
Als wir dann auch noch mit dem Bau unseres eigenen Büros begonnen haben, ist uns die Arbeit endgültig über den Kopf gewachsen. Glücklicherweise hatten wir mit Claude Ritter (Xing) einen sehr intelligenten und fähigen Projektmanager in unserem Team, der sich perfekt für den Geschäftsführerposten eignete. Er hat es innerhalb weniger Monate geschafft, einen Haufen guter Mitarbeiter in ein wirklich funktionierendes und vor allem skalierbares Team zu verwandeln. Rückblickend war das sicherlich eine unserer besten Entscheidungen überhaupt.
Für gays.com habt Ihr 2006 eine halbe Million Euro bezahlt. Habt Ihr den Kaufpreis komplett eigenfinanziert? Seid Ihr mit der bisherigen Entwicklung des Portals zufrieden?
Ja, gays.com – wie auch alle unsere anderen Projekte – ist komplett eigenfinanziert. Wir hatten früher zwar versucht Kapital aufzunehmen, aber Banken und Business Angels waren nach dem Crash des Neuen Marktes damals sehr vorsichtig und wir wohl auch noch zu unerfahren. Mittlerweile sind wir natürlich sehr froh darüber, es auch ohne Fremdkapital geschafft zu haben. Aufgrund des fehlenden Drucks und Inputs von außen gehen manche Sachen bei uns vermutlich langsamer, im Großen und Ganzen aber mit Sicherheit auch deutlich relaxter. So haben wir zum Beispiel das komplette Projekt gays.com nach einem halben Jahr Entwicklung im Jahr 2007 vollständig über den Haufen geworfen und noch einmal ganz neu angefangen.
Auch hatten wir ursprünglich geplant, nur über private Einladungen zu wachsen, was in Zeiten des Web 2.0 zwar romantisch klingt, in der Realität aber deutlich schwieriger war als wir uns das vorgestellt hatten. Wir haben uns deshalb entschlossen, die Seite in diesem Jahr für jeden zugänglich zu machen. Mit einem Investor an Bord wären solche Kurskorrekturen möglicherweise deutlich schwieriger gewesen.
Derzeit haben wir ein stabiles Wachstum von ca. 500 neuen Mitgliedern am Tag. Wir rechnen damit, innerhalb dieses Jahres auf 400.000 Mitglieder anzuwachsen – danach wird es vermutlich deutlich schneller gehen. Unser Konzept, ein soziales Netzwerk mit echten Namen und Identitäten für eine Nische zu entwickeln, ist bisher noch immer einzigartig und trifft genau den Kern der Zeit.
Was Facebook für die breite Masse darstellt, wollen wir mit gays.com in der LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender)-Szene erreichen. Dazu werden wir bei gays.com in diesem Jahr noch enger mit unserer deutschen Datingseite gays.de zusammenarbeiten. Unser Ziel sind 100.000 deutsche Mitglieder im Jahr 2009. Wir glauben, mit diesen Angeboten sehr gut aufgestellt zu sein und sind demnach nicht nur zufrieden, sondern auch äußerst optimistisch.
Warum seid Ihr in Shanghai stecken geblieben? Was fasziniert Euch an der Stadt?
China an sich ist ein unheimlich beeindruckendes Land, in dem täglich so viel passiert und sich so viel ändert, dass einem selbst das pure Leben hier schon wie ein Film vorkommt. Shanghai ist die pulsierende Metropole dieses Landes. Alles ist möglich und jeder kann es erreichen. Daran hat sich in den letzten Jahren auch nichts verändert.
Was waren die größten Herausforderungen an Shanghai? Sprecht Ihr mittlerweile fließend Chinesisch?
Die Sprache war sicherlich eine der größten Herausforderungen. Wir haben allerdings von Anfang an großen Wert darauf gelegt, die Sprache sorgfältig zu lernen, da sie – vor allem in China – den Schlüssel zur Kultur darstellt. Seitdem wir hier sind, haben wir täglich mehrere Stunden Chinesisch-Unterricht. Wir sind zwar noch nicht perfekt, aber für fließende Unterhaltungen und das tägliche Leben reicht es ganz gut.
Neben der Sprache gehörte natürlich auch der Aufbau der ersten eigenen Firma in China zu den großen Herausforderungen. So mussten wir beispielsweise in den ersten Monaten für jede Auslandsüberweisung drei DIN A4-Seiten Formulare ausfüllen. Jeder, der die deutsche Bürokratie verflucht, lasse sich gesagt sein: Es geht noch schlimmer
Denkst Du, dass ihr im Hinblick auf den wirtschaftlichen Erfolg Eurer Projekte in Deutschland genauso weit gekommen wärt? Falls nein, was ist der wirtschaftlich interessanteste Punkt an Shanghai und worin unterscheidet sich Deiner Meinung nach Shanghai von Deutschland?
Ich glaube ehrlich gesagt, dass wir in Deutschland deutlich weiter gekommen wären als wir es hier sind. Anders als 2004 existiert in Deutschland mittlerweile ein sehr eng geflochtenes Netz an Unternehmern und somit ein sehr effektiver Austausch. Es gibt viel Kapital am Markt und sehr gut ausgebildetes Personal. Auf der anderen Seite hatten wir in China natürlich viele Jahre, während denen wir uns wegen der Distanz zu Europa sehr auf unsere Arbeit konzentrieren konnten.
Ich glaube, viele Internetunternehmer verbringen viel zu viel Zeit auf Konferenzen und mit Networking, statt effektiv am eigenen Produkt zu arbeiten. Viel zu häufig tendiert man dazu, mit jedem kooperieren zu wollen, anstatt sich einfach auf das eigene Kerngeschäft zu konzentrieren. Uns haben die meisten Kooperationen im Verhältnis zur investierten Zeit nicht wirklich weitergebracht.
Interessant an Shanghai ist sicherlich auch, dass es sich um eine Weltstadt handelt, welche sich zwar noch im Entwicklungsprozess befindet, in der man jedoch äußerst interessante Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern treffen kann. Bei uns im Team sind zwölf Nationalitäten vertreten – das macht einen offener und man denkt nicht mehr in lokalen Grenzen. Darüber hinaus ist der chinesische Internetmarkt natürlich trotz seiner bereits gigantischen Größe einer der am schnellsten wachsenden Märkte überhaupt. Wir sind hier nicht nur für China, sondern für ganz Asien bestens positioniert.
Wie ist die Startup-Szene in Shanghai? Existiert eine derartige Szene? Bekommt Ihr davon was mit? Wie finanzieren sich die Startups in Shanghai? Ist eine Venture Capital- und/oder Business Angels-Kultur vorhanden? Welche Auswirkungen hat die Finanzmarktkrise auf die Startups in China (sofern diese bereits zu spüren sind)?
Es gibt durchaus eine Startup-Szene in Shanghai. Allerdings ist diese nicht so transparent wie in Deutschland. Mögliche Ursache dafür könnte die Sprache sein, häufig muss man hier zwischen rein chinesischen und international besetzten Startups unterscheiden. Da die meisten westlichen Unternehmer kein Chinesisch und viele chinesische kein Englisch sprechen, bestehen häufig nur wenige Berührungspunkte.
Abgesehen davon gibt es eine Reihe von Veranstaltungen und formlosen Treffen welche zumindest die englischsprachige Gemeinde in den letzten Jahren enger zusammengebracht haben. Generell würde ich die Szene hier als überschaubar einschätzen. Dennoch: Wer etwas zu bieten hat, sollte keine Probleme haben Kontakte aufzubauen und Kapital zu bekommen.
Kapital ist am Markt auf jeden Fall vorhanden, viele der renommierten Venture Capital Firmen sind vertreten und haben anscheinend mehr Kapital als Chancen dieses zu investieren. Häufig sind diese aber primär an chinesischen Produkten und chinesischem Management interessiert. Business Angels gibt es ebenfalls einige, häufig Expatriates, die schon seit langer Zeit in China/Asien wohnen und dementsprechend dann auch wirklich Hilfestellung im fremden Terrain bieten können.
Die Auswirkungen der Finanzmarktkrise kann ich ehrlich gesagt nicht genau überblicken, wie überall versuchen viele Firmen mehr Cash aufzubauen und angesammelten Speck loszuwerden. Da viel Kapital aus Übersee kam, ist der Hahn natürlich etwas zugedreht bzw. Kapital vom Markt abgezogen worden. Das werden die Fonds zu spüren bekommen haben. Informationen aus erster Hand habe ich allerdings nicht.
Was hast Du bzw. Du und Deine Brüder für die Zukunft geplant? Werdet ihr eure Weltreise irgendwann fortsetzen und als „Entrepreneurs on road“ arbeiten? Denkst Du, dass ihr eure Mitarbeiter in Shanghai komplett von jedem Ort der Welt aus steuern könnt?
Das Bürogebäude ist mittlerweile fertig (siehe Fotos) und die Firma läuft derzeit ziemlich rund, so dass wir hier immer weniger gebraucht werden. Unser ursprüngliches Ziel, Sprache und Kultur kennen zu lernen, haben wir erreicht. Es wäre in der Tat wieder an der Zeit weiterzuziehen. Claude macht seine Aufgabe ausgesprochen gut und wir denken, dass die Geschäfte mit ihm als alleinigem Entscheidungsträger sehr gut weiterlaufen werden. The NetCircle Shanghai ist mittlerweile ohnehin mehr zu einem Startup-Incubator geworden, der unabhängig voneinander die verschiedenen Firmen (Projekte) betreut. Wir sind mit unserer Rolle als externer Kunde somit schon relativ vertraut. Wir werden sehen
Welchen Tipp kannst Du Gründern und Startups in Deutschland mit auf den Weg geben?
Es gibt sicherlich für jede Situation und Lebenslage unterschiedliche Tipps, so dass ich mich hier schwer tue eine zufriedenstellende Antwort zu geben. Grundsätzlich ist es immer hilfreich, die Kosten gering zu halten. In China und anderen Entwicklungsländern sieht man häufig, wie geschickt Unternehmertum mit einfachsten Mitteln bewerkstelligt werden kann. Wer ein gesundes Geschäftsmodell mit niedrigen Kosten hat, ist kaum unterzukriegen und deutlich flexibler als die aufgeblähte Konkurrenz.
Mit den ersten Erfolgen wächst häufig auch das Ego und man neigt dazu, prestigeträchtige aber sinnlose Anschaffungen zu machen oder unnötig kulant zu werden. Gerade wenn Kapital knapp ist, sollte man Amortisierungszeiträume im Hinterkopf behalten. Natürlich wäre es cooler und würde einen besseren Eindruck machen, Designermöbel im Büro zu haben – aber braucht man das wirklich? Bringt dasselbe Geld woanders investiert dem Unternehmen nicht vielleicht deutlich mehr Wachstum? Im Endeffekt handelt es sich um ein Spiel mit der Zeit: Wenn mir Investment X in absehbarer Zeit mehr bringt als Y, weil der Amortisierungszeitraum kürzer ist, wird am Ende des Jahres auch das Wachstum höher ausfallen.
Vergleicht man Produktzyklen von deutschen und chinesischen Produkten, fällt zudem auf, dass in China viel simpler und dafür schneller gestartet wird. In Deutschland wird dagegen gleich zu Beginn das perfekte Produkt angestrebt. Beide Wege können ans Ziel führen, aber Ersterer liefert schnellere Ergebnisse und minimiert somit das Anfangsrisiko. Optimiert wird dann meistens nachher.
Julius, vielen herzlichen Dank für die tollen Antworten! Ich wünsch Euch weiterhin viel Erfolg und bin gespannt, was noch so alles von Euch kommt!
Hinweis: Weitere Infos zu Julius gibt es unter seo.de.
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