Patrick Hammer, 34 Jahre alt, Studium der Kommunikationswissenschaft, Markt- und Werbepsychologie und Amerikanistik an der LMU München. Seit 1998 Geschäftsführer der
GRIN Verlag GmbH im Bereich Business Development. Das Unternehmen hat derzeit ca. 30 Angestellte und Büros in München und Ravensburg.
Du bist Mitgründer von der GRIN Verlag GmbH. Euch gibt es nun schon mehr als zehn Jahre, das muss man erst mal nachmachen. Was ist euer Erfolgskonzept?
Unermüdlichkeit und Internet-Sucht

Uns gibt es seit 1998 und wir haben die ersten fünf Jahre so gut wie gar nichts verdient. Das erfordert schon eine ganze Menge Optimismus und Selbstaufopferung. Aber wir haben immer an unser Konzept geglaubt, es stetig weiterentwickelt und irgendwann kam der Punkt, an dem es auch finanziell interessant wurde. Man muss aber immer am Ball bleiben und alle wichtigen Trends im Internet erkennen - aber natürlich nicht auf alle aufspringen, sondern nur das mitnehmen, was für das eigene Businesskonzept erfolgversprechend ist. Wir sind immer davon ausgegangen, dass User für guten, einzigartigen Content auch bezahlen – und das hat sich auch bewahrheitet. Das mit der Werbung hingegen hat nicht so gut geklappt, wie wir dachten.
Welche wichtigen Entwicklungsstadien habt ihr mit GRIN in dieser Zeit durchgemacht? Zum Beispiel: Rechtsformwechsel, Finanzierungsrunden usw. - sicherlich gab es Durststrecken und auch ganz besondere Erfolgserlebnisse...
Wir haben 1998 als „Hausarbeiten.de GbR“ angefangen. Dann kam 1999 ein Investor dazu, der uns den Aufbau der Studentencommunity GRIN.de ermöglichte, die bis 2002 auch über 100.000 Mitglieder hatte. Daraus ist später aber unsere Verlagswebsite
www.grin.com geworden, da sich die Community nicht rechnete. 2001 haben wir begonnen, nicht mehr auf Werbeeinnahmen und kostenlosen Content zu setzen, sondern Diplomarbeiten und Hausarbeiten auch zu verkaufen/vermarkten, falls der Autor dies wünscht. Das war wohl die entscheidende Wende – mittlerweile haben wir ja 110.000 eigene E-Books im Katalog. Seit drei Jahren bringen wir die Titel auch auf den Buchmarkt, mittlerweile haben wir 50.000 gedruckte Bücher publiziert – mehr hat nur Springer. Vor zwei Jahren ist auch aus diesem Grund die
Books on Demand GmbH bei uns als Investor eingestiegen. Vor zwei Wochen haben wir unsere Website neu gelauncht – mit vielen social media-Funktionen, die all das Wissen, das wir bieten, vernetzen und Autoren und Lesern Interaktion ermöglichen (Newsfeeds, Follow-Funktionen, Gruppen, etc.). Zwei Millionen Fachbücher von anderen Verlagen haben wir ebenfalls im neuen System und bauen das ganze jetzt nach und nach zur Nr. 1 Wissenssuche aus.
Ich habe selbst meine letzte Projektarbeit bei GRIN publiziert und verdiene so pro Quartal ein paar Euro. Wie viel Geld bleibt, nehmen wir z. B. ein E-Book für 12,99 €, prozentual bei Euch hängen? Welches sind die für Euch rentabelsten Produkte?
Bei uns bleiben deutlich unter 50%, weil man ja das Finanzamt und den Zahlungsanbieter (Paypal oder Clickandbuy) auch noch beglücken muss – und wir ein sehr hohes Autorenhonorar zahlen. Wir betreiben Longtail-Business, so richtig rentable Titel gibt es da recht selten. Am meisten lohnen sich im Schnitt wohl Abschlussarbeiten. Aber im Prinzip ist es für die Autoren am besten, wenn sie alle von ihnen verfassten Texte hochladen, so wird die Verkaufswahrscheinlichkeit am höchsten.
Habt Ihr mittlerweile auf Fremdkapital zurückgegriffen (Venture Capital, Business Angel) oder stemmt Ihr nach wie vor alles aus eigener Kraft?
Wir hatten ja bisher zwei Investments, waren aber bis auf die Anfangszeit immer in den schwarzen Zahlen. Fremdkapital gibt aber trotz rentablen Business immer etwas mehr Kraft, große Projekte mit weniger Sorgenfalten umzusetzen.
Durch Eure frühzeitige Integration von E-Books, anders als andere Verlage, habt Ihr Euch gut für die kommenden Jahre und die voranschreitende Digitalisierung gewappnet. Trotzdem, wo seht Ihr noch Verbesserungspotential und welche Bereiche könnten künftige Geschäftsfelder darstellen?
Ja, wir haben es andersrum gemacht: Erst E-Books, dann Bücher

Es gibt natürlich viel Potential in einer Menge Richtungen. Wir werden unsere Suchtechnologie noch weiter verbessern, um bei deutlich mehr Content beste Suchergebnisse bieten zu können. Wie ich vorher ja erwähnte, ist unser mittelfristiges Ziel, die beste Wissenssuche im Web zu bieten. Das Ganze soll dann mit zusätzlichen social media-Funktionen sinnvoll ausgeweitet werden, so dass es für die User die beste Plattform ist, um Wissen zu finden, Wissen zu publizieren und sich darüber auszutauschen.
In einem Interview im September 2001 (Sciencegarden), hast du einen Datenfluss von 500 GB/Monat bei GRIN genannt. Ich denke, diese Zahl ist nicht mehr ganz aktuell, oder?
Mal im Ernst, wie viele Arbeiten und registrierte User tummeln sich im Jahr 2010 auf Eurer Seite?
Jetzt sind wir bei 2-3 TB Datentransfer, 110.000 E-Books, 50.000 Autoren, ein paarhundertausend registrierten Kunden und zwischen 3 und 5 Millionen Visits pro Monat.
Mir ist aufgefallen, dass GRIN vor kurzem einen Relaunch unterzogen wurde. Welche Verbesserungen bzw. Modifikationen zur vorherigen Seite wurden vorgenommen?
Natürlich ist das Design komplett neu und viele Dinge wurden verbessert, z.B. der Upload von Dokumenten ist nun noch einfacher. Vor allem wurden aber viele moderne Web 2.0-Funktionen integriert: User können nun Fachbereichen, Autoren, Hochschulen, Texten und Gruppen „folgen“ und erhalten in ihrem Newsfeed immer Live-Updates über neue Texte, Kommentare, Ratings usw. Neu sind auch Gruppen, in denen Autoren gemeinsam oder alleine Texte zu bestimmten Themengebieten in Reihen herausbringen können – mit eigenem Logo auf dem Cover. Jeder Autor hat in seinem Profil auch eine Pinnwand, auf der gepostet werden kann. Auch haben wir nun über zwei Millionen Fachbücher in unserer Datenbank, sodass User bald direkt aus dem Literaturverzeichnis unserer Texte die passenden Bücher bestellen können. Über unsere Suche findet man diese Titel jetzt bereits.

Neues Grin Logo
Wie viele Anteile hältst du an der Grin Verlag GmbH?
Knapp über 20%.
Welche Web- und Tech-Trends, außerhalb der Verlagsbranche, verfolgst du mit besonderer Begeisterung?
Tech-mäßig bin ich großer Gadget-Fan und freue mich, wenn immer kleinere Geräte immer mehr können. Ansonsten finde ich allgemein alles, was mit Netzwerkeffekten zu tun hat, sehr interessant. Auch die immer größere Verbreitung von immer mehr Wissen fasziniert mich – das ist ja auch das Thema, mit dem ich mich täglich beschäftige.
Wie geht es für dich persönlich weiter?
Seit zwölf Jahren GRIN – und kein Ende in Sicht

Das Ding muss noch viel größer und bekannter werden!
Zu guter Letzt: Hast du noch einen entscheidenden Rat, den du anderen Existenzgründern mitgeben möchtest?
Sucht Euch Eure Gründerkollegen gut aus. Ihr solltet auf einer Wellenlänge sein und die Kompetenzen (Technik, Marketing, Organisationstalent, Finanzen, etc.) sollten gut verteilt sein. Achtet darauf, dass es bei allen nicht nur ein Strohfeuer ist – denn ein Unternehmen aufzubauen ist richtig viel Arbeit. Aber wenn man es richtig macht, lohnt es sich. Richtig klasse bei GRIN: alle fünf Gründer verstehen sich seit zwölf Jahren bestens.
So muss das sein! Patrick, vielen herzlichen Dank für dieses interessante Interview. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg mit GRIN. Auf die nächsten 12 Jahre!