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mytweetmagPosted on :
August 15, 2010
Die Startup-Szene ist voll von hippen Newcomern, großen Investments oder dramatischen Insolvenzen. Doch welche steinigen Wege führen dahin? Darüber erfährt man eher wenig, und nach unbelegten Schätzungen dürften ca. 95% der Gründer auf ihrem Weg von der ersten Idee bis zum klickbaren Ergebnis auf der Strecke bleiben - lange bevor ein Investment überhaupt in Frage kommt. Und wie soll es auch gehen, wenn man jung, mittellos und unerfahren ist?
So oder so ähnlich erging es auch mir, wobei ich nach ca. 3 Jahren meine Idee mit www.mytweetmag.com dann doch noch - zumindest im Mini-Format - verwirklichen konnte. In der kleinen Serie "Low-Budget-Startup" werde ich den steinigen Werdegang hier veröffentlichen bzw. Tipps geben und freue mich, wenn ich damit eine Diskussion über die Pre-Seed-Phase und über No-/Low-Budget-Gründungen anstoßen kann.
Die nächste Enttäuschung wird jedoch nicht lange auf sich warten lassen: Denn kein Mensch wird eine Plattform von sich aus besuchen. Jetzt heißt es, Publicity erzeugen. Und damit fängt die eigentliche Arbeit erst an.
Mehr dazu im nächsten Beitrag...
Sebastian Schürmanns arbeitet in einer Webagentur und lebt irgendwo im Netz. Vor seiner digitalen Einbürgerung war er jahrelang für Kommunikationsagenturen und Verlage tätig. Getreu dem Motto, lieber etwas zu viel auszuprobieren als im entscheidenden Moment das große Ding zu verschlafen, hat er bereits ein halbes Dutzend Blogs gestartet und ebenso viele Konzepte ersonnen. Aktuell gilt sein Herzblut dem Webprojekt MyTweetMag, mit dem Twitterfreunde einen gemeinsamen Newsstream ins Leben rufen können.
Plötzlich die fixe Idee im Kopf...
Wann es genau war, kann ich nicht mehr sagen, wohl irgendwann vor drei Jahren in der Hochphase des Streamings mit dem Hype um Friendfeed. Damals dachte ich an ein Portal, mit dem man News per RSS filtern und in einem Portal einen kuratierten Newsstream aufsetzen kann - ähnlich wie heute Twingly Channels oder vorher schon SocialMedian (die irgendwann von XING gekauft wurden). Nach ein paar groben Konzeptentwürfen stellte sich schnell die Frage: Wie das ganze realisieren? Code-Skills, Kapital oder Teammitglieder - alles Fehlanzeige. Also geht man den üblichen Weg: man bläht das Konzept um ein paar virtuelle Revenues auf, um es für Investoren & Co. interessanter zu machen. Dann wandert das Konzept erst durch den Freundes-, dann durch den Bekanntenkreis und schließlich durch die Investorenszene, an Kooperationspartner und Gründerwettbewerbe. Und tatsächlich kamen ein paar Gespräche zustande, mit Investoren, Unternehmen oder potentiellen Mitstreitern. Das Ergebnis: Nach ca. einem Jahr war ich deutlich schlauer, aber einer Realisierung kein Stück näher. Folgerichtig verlor ich langsam das Interesse und widmete mich erst einmal anderen Projekten. Das änderte sich wieder mit dem Siegeszug von Twitter: Als Nachrichtenkanal gewann der Vogel enorm an Bedeutung und das Andocken an Twitter und seine User war ungleich einfacher, als eine neue Plattform hochzuziehen. Also kramte ich die Idee wieder aus, münzt sie um und dampfte sie vor allem extrem ein, bis die Verwirklichung in Eigenregie realistisch erschien. Denn - soweit hatte ich aus den Fehlern gelernt - mit einem Konzept allein sind weder Blumentöpfe, noch Mitstreiter oder Investoren zu gewinnen, es sei denn man versucht sich an einer CopyCat-Plattform im E-Commerce-Bereich. Zum Auftakt der Serie hier also die...... 12 Schritte zum eigenen Webtool
- Zuerst: Wenn deine Idee nicht wenigstens bahnbrechend ist, verschwende keine Zeit mit der Suche nach Mitstreitern, Investoren oder Startup-Wettbewerben. Mach es einfach selbst!
- Zweitens: Denk am besten gar nicht daran, mit deinem Tool Geld zu verdienen - es wird in den meisten Fällen nicht klappen. Wenn man nicht gerade ein bahnbrechendes Konzept hat oder im E-Commerce-Bereich gründet, sollte man aus meiner Sicht nur aus Enthusiasmus und aus reiner Liebe zum Web gründen.
- Zum praktischen Teil: Schreib die Idee auf (z.B. mit Word, PowerPoint oder online mit Prezi), schlaf ein paar Tage drüber. Gefällt sie dir immer noch, gehe zu Punkt 4.
- Dein Konzept hat vermutlich noch mehr Löcher als Käse. Um mehr Klarheit zu gewinnen, kannst du natürlich die Business-Pläne oder Konzept-Vorlagen von Investoren oder Wettbewerben ausfüllen. Das ist jedochaus meiner Sicht graue Theorie, die viel Arbeit kostet und für unsere Zwecke wenig bringt. Stattdessen empfehle ich, ein Mockup oder Wireframe aufzusetzen. Wireframes sind klickbare Prototypen, die i.d.R. nur aus verlinkten Bildern bestehen. Beim Entwickeln des Wireframes wirst du sehr schnell über viele Details stolpern und ein praktisches Gefühl für dein Konzept bekommen. Wireframe-Tools gibt es wie Sand am Meer. Ich habe damals das - inzwischen kostenpflichtige - Online-Tool Hotgloo benutzt, da es einfach zu bedienen ist, kollaborative Funktionen bietet (man kann Co-Worker einladen), und die Gründer von Hotgloo zwei Häuser weiter wohnen.
- Im nächsten Schritt kommt der Vorteil von Wireframes voll zur Geltung: Business-Konzepte sind langweilige und trockene Theorie: Jemand holt seinen Taschenrechner raus und schaut, ob er was verdienen oder seinen Wettbewerb aufhübschen kann. Kein normaler Mensch hat Lust, sich nach Feierabend so etwas anzuschauen. Ein kleines Wireframe durchzuklicken und dann Feedback zu geben, das dürfte schon besser laufen. Und Feedback ist das, was du jetzt dringend brauchst. Schick also dein Wireframe an jeden, der dir einfällt: Freunde, Familie, Webnerds, Bekannte, alle. Mach dich darauf gefasst, dass 90% des Feedbacks negativ sind, denn die meisten Leute finden das Netz irgendwie blöd und Veränderungen sowieso eher lästig. Zugegeben, es ist nicht leicht, für sich die sinnvollen Feedbacks herauszufiltern. Jetzt kommen natürlich Einwände, die Idee könne doch geklaut werden. Das stimmt und man kann dagegen auch Vorkehrungen treffen, z.B. Vertraulichkeitserklärungen verfassen oder Paten-, Marken-, und Urheberrechte studieren. Aus meiner Sicht ist das viel Arbeit für wenig Gewinn, denn es droht die weitaus größere Gefahr, dass sich absolut niemand für deine Ideen interessiert. Geklaut wird i.d.R. erst, wenn sich im Web der Erfolg einstellt. Also kämpfe nicht auf Nebenschauplätzen.
- Nach dem Feedback verbessere dein Konzept Schritt für Schritt. Wenn es langweilig wird, war die Idee vermutlich nicht so wichtig für deine Entwicklung, wie du in Schritt 3 vermutet hattest. Dann archiviere deine Idee und vergeude nicht weiter deine Zeit. Lässt es dich jedoch nicht mehr los, gehe weiter zu Schritt...
- Wenn deine Idee / dein Wireframe deinen Ansprüchen genügt, musst du eine wichtige Entscheidung treffen: Bist du tatsächlich bereit, für die Realisierung eine bestimmte Summe zu investieren? Denn jetzt musst du einen Prototypen bauen und das wird dir niemand bezahlen. Also überleg es dir gut. Wenn du bereit bist, setze dir ein bestimmtes Limit und gehe niemals darüber hinaus, es sei denn, dein realisiertes Webtool hat wirklich Erfolg. Ansonsten stampfe es ein oder betreibe es als Privat-Projekt
- Du hast dich entschieden. Gut. Dann brauchst du erst einmal einen Hoster. Bei den großen Hosting-Anbietern kann man dich zumindest rudimentär beraten. Da die Hosting-Kosten erst einmal nicht so ins Gewicht fallen, hab ich mich für einen kleinen managed server bei meinem Stammhoster hosteurope entschieden. Die bieten eigentlich alles und gelangen nicht so schnell an ihr Limit. Wenn dir dann doch das Twitter- oder Flipboard-Phänomen widerfährt, kann dir ein großer Hosting-Anbieter sicher helfen. Es gibt aber bestimmt bessere und günstigere Lösungen. Aber auch hier: Um zehn Euro zu sparen werde ich nicht 10 Tage recherchieren, man muss seine Energien konzentrieren.
- Jetzt brauchst du Webworker. Wenn du nicht gerade ein paar Coder und Hacker in deinem Freundeskreis hast, kannst du auf diversen spezialisierten Plattformen nach Entwicklern suchen. Es gibt zum Beispiel elance, die Projektmanagement-Tools, Bezahlmethoden, Ratings etc. anbieten. In den Plattformen dominieren Anbieter aus Osteuropa, Indien oder China. Man sollte allerdings bei der Suche nach Kompetenzen und Referenzen gehen und nicht blind auf den Stundensatz schauen. Auch bei Preisverhandlungen empfehle ich eher eine entspannte Haltung: wer immer nur am Limit arbeitet, wird auf Dauer keine Qualität liefern. Das würde ich auch nicht machen...
- Du brauchst mindestens einen Backend-Programmierer für PHP, SQL, Java, Ruby, was auch immer, und einen Frontend-Entwickler für HTML, CSS, Javascript, Ajax und co (um den Designer habe ich mich erst später gekümmert). Die Entwickler werden von dir eine Spezifikation oder ähnliches haben wollen, damit sie wissen, was sie programmieren müssen. Auch hier wieder der Vorteil des Wireframes: Wenn es detailliert ist, hast du schon 3/4 der Spezifikation. Trotzdem solltest du noch einmal jedes Detail festhalten (jeder Button, jede Funktion). Man ärgert sich leicht über den Unverstand der Entwickler, aber Fakt ist: Sie können die Details nicht wissen, wenn du sie ihnen nicht sagst. Und sie nach Gutdünken selbst aufzusetzen, kann für den Entwickler massiv nach hinten los gehen. Doch auch mit einem detaillierten Konzept wirst du im Laufe des Entwicklungsprozesses auf zahlreiche Details stoßen, die du nicht bedacht hattest oder noch einmal ändern möchtest. Auch das Testing obligt dir, und das sollte man sehr ordentlich durchführen, denn es gibt immer und überall Bugs. Das ist normal.
- Wenn der Prototyp steht und alle Funktionen laufen, sollte man über ein professionelles Design nachdenken. Design ist mit entscheidend für das Projekt und man sollte hier nicht sparen. Ich habe sowohl für das Design, als auch für ein WP-Plugin bekannte Ikonen aus der heimischen Blogosphäre angeheuert, was sich vor allem in Hinsicht auf die Briefings und Absprachen als sehr positiv erwies.
- Bevor du die Plattform launchst, solltest du die Plattform - auch bei der winzigen Größenordnung von MyTweetMag - in einer geschlossenen Phase testen, um sie einigermaßen bugfrei der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Über den Autor
Sebastian Schürmanns arbeitet in einer Webagentur und lebt irgendwo im Netz. Vor seiner digitalen Einbürgerung war er jahrelang für Kommunikationsagenturen und Verlage tätig. Getreu dem Motto, lieber etwas zu viel auszuprobieren als im entscheidenden Moment das große Ding zu verschlafen, hat er bereits ein halbes Dutzend Blogs gestartet und ebenso viele Konzepte ersonnen. Aktuell gilt sein Herzblut dem Webprojekt MyTweetMag, mit dem Twitterfreunde einen gemeinsamen Newsstream ins Leben rufen können.

